Erstgespräch ohne Kind?

Gelegentlich fragen Eltern bei uns an, ob es möglich ist, zunächst ohne ihr Kind zum Erstgespräch zu kommen.

Die Antwort gleich vorweg: Bis auf sehr wenige Ausnahmefälle ist dies nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Wir führen die Erstgespräche aber meist zu zweit, also Facharzt und Therapeutin, und so ergibt sich die Möglichkeit, sich im Gesprächsverlauf aufzuteilen: die Therapeutin geht mit dem Kind in einen anderen Raum, und die Eltern können dem Arzt noch Dinge mitteilen, die „nicht für Kinderohren bestimmt“ sind.

Manche Eltern scheuen sich aber ganz grundsätzlich davor, überhaupt die Probleme „vor dem Kind“ anzusprechen, um ihm nicht das Gefühl zu geben, dass etwas nicht stimmt. Wenn Sie unsere Hilfe in Anspruch nehmen wollen, ist der Grund dafür allerdings ganz sicher, dass wirklich etwas nicht stimmt oder das zumindest mal abgeklärt werden soll.

Der Zwiespalt vieler Eltern besteht vor allem darin, dass sie ihrem Kind etwas anderes signalisieren wollen („Du bist in Ordnung so wie du bist“), als sie in Wirklichkeit denken.

Der Wunsch nach einem reinen Elterngespräch klingt, als hätten die Eltern gern eine Lösung, von der ihr Kind „nichts mitbekommt“, und die sie nur auf Elternebene durchführen können. Das ist aber in etwa, wie wenn ihre Kind ein aufgeschürftes Knie hat und sie möchten ihm ein Pflaster draufkleben, ohne dass das Kind es bemerkt. Oder wie wenn das Kind schlechte Noten in der Schule hätte, und die Eltern sagen kontinuierlich, es sei ein sehr guter Schüler, und suchen aber quasi gleichzeitig nach unbemerkten Lösungen.

Wenn Eltern zum Beispiel sagen, er/sie fühlt sich schnell angegriffen und kann es kaum ertragen, Fehler zu machen, dann wäre hier auch wirklich ein Ansatz: wenn Eltern ihr Kind nämlich zu viel „in Watte packen“ und ihm zu häufig signalisieren, dass „alles in Ordnung“ ist und sie das Kind „gar nicht wirklich kritisieren“, und es auch „eigentlich keinen Fehler gemacht“ hat, ist die Botschaft ja immer zweideutig oder sogar auch unzutreffend. Nach meiner Erfahrung führt, allgemein gesprochen, so eine Konstellation zu immer größeren Problemen, weil die Kinder keine echte Korrektur erhalten, die Fehler klar benennt, aber auch die damit verbundenen Wachstumsmöglichkeiten, und so wird ein Wachstum und eine Weiterentwicklung tatsächlich sogar verhindert!

Was ich damit sagen möchte: ein erster Schritt zur Lösung von Problemen besteht darin, sie sich bewusst zu machen und offen zu kommunizieren, und zwar auch miteinander und eben auch besonders mit Kind. Natürlich würden Sie Ihrem Kind nicht sagen: „Du bist NICHT in Ordnung wie du bist“, aber der Text sollte irgendwie klingen wie „wir machen uns Gedanken wegen ein paar Problemen, die wir die ganze Zeit nicht richtig lösen können, und unter denen du ja auch oft leidest“. Dass bei Besprechung der Anamnese einem Kind erst richtig bewusst wird, worin das Problem besteht, ist also ein gewünschter und richtiger erster Schritt auf der Suche nach einer Lösung.

Meine Erfahrung ist, dass ein reines erstes Elterngespräch mir nicht hilft, ein Kind wahrzunehmen und richtig einzuschätzen. Die Beratung würde dann nicht über das hinausgehen, was in jedem „Ratgeber“ im Buchhandel auch zu lesen wäre. Ich muss das Kind sehen können und auch vom Kind selbst hören, wie es zu den Schilderungen seiner Eltern steht – was also die Eigenwahrnehmung des Problems ist, und worin die eigenen Wünsche und Ansätze liegen könnten. Manchmal sagen Kinder hier nur 1-2 Sätze, und schon ist klar, worum es geht und die ganze Beratung nimmt Gestalt an. In anderen Gesprächen sehe ich sehr verschlossene Kinder, die nichts sagen möchten und ihre Ansätze nicht preisgeben, oder auch gar keine eigenen Ansätze haben, sondern nur verzweifelt oder hilflos sind. Auch das ist für mich aber sehr wichtig, weil dann die Beratung in eine ganz andere Richtung gehen würde. Auch die Interaktion zwischen Eltern und Kind ist in diesen Gesprächen sehr interessant – siehe erster Absatz oben: packen die Eltern das Kind in Watte und kommen nicht auf den Punkt? Oder herrscht eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen Eltern und Kind mit gegenseitigen Ergänzungen? Lässt das Kind die Schilderungen der Eltern zu, oder versucht es zu unterbrechen oder zu dementieren?

Meist schließen wir auch noch mehrere Testtermine an, wo das Kind alleine zu der zuständigen Therapeutin kommt, und wir versuchen, die Gedanken und Gefühle des Kindes genauer zu begreifen. Oft kann man erst dann genauer erklären, worin das Problem und somit auch der Lösungsansatz besteht.

Oft bieten wir auch nochmal ein separates Elterngespräch an, wo die Eltern die Gelegenheit haben, eine ganze Stunde lang alles zu erzählen, was ihnen auch noch wichtig erscheint und was ohne das Kind besprochen werden sollte.

Aus all diesen Gründen bitte ich um Verständnis, dass ein Erstgespräch nur mit Eltern, ohne Kind, leider meist keinen Sinn ergibt.
Wenn Sie den Eindruck haben, es wäre in Ihrem Fall tatsächlich aber doch sinnvoll, dann schildern Sie uns bitte bei der Terminvereinbarung die Problematik, damit wir uns ein Bild machen können.